17.06.24

Parodontitis – Ursachen & Behandlung mit Mikronährstoffen - Interview mit Dr. med. dent. Heinz-Peter Olbertz

Fast jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat eine Parodontitis. Was vielen nicht bewusst ist: Eine Parodontitis beeinflusst unsere Gesundheit weit über den Mund hinaus und erhöht das Risiko für viele „Entzündungskrankheiten“ wie Diabetes und Arteriosklerose. Eine grundlegende Behandlung schützt daher nicht nur die Zähne, sondern kommt dem ganzen Körper zugute. Die gute Nachricht: Jeder kann selbst aktiv werden. Wer die Parodontitis grundlegend heilen möchte, sollte dabei den ganzen Körper, das Immunsystem und den Darm mit einbeziehen. Wie das gelingen kann und welche Rolle unsere Ernährung dabei spielt, verrät der ganzheitlich arbeitende Zahnarzt, Parodontologe und Studienautor Dr. med. dent. Heinz-Peter Olbertz, in unserem Interview.

Interview mit Dr. Med. Dent. Heinz-Peter Olbertz

Als ganzheitlich orientierter Zahnarzt schauen Sie über den Mund hinaus. Was heißt das für Sie?

Die Mundhöhle ist mehr als eine „Schachtel voller Zähne“. Sie ist zugleich Spiegel und Indikator für den Zustand des Gesamtorganismus.

Sie arbeiten seit 1997 als Zahnarzt in eigener Praxis. Wie hat sich seitdem der Blick auf die Parodontitis verändert?

Eine Parodontitis ist weder Infektionskrankheit noch unmittelbare Folge schlechter Zahnpflege. Vielmehr handelt es sich um eine immunologische Erkrankung mit genetischer Komponente. Ursache und treibende Kraft ist eine unterschwellige systemische Entzündung (low grade inflammation, Silent Inflammation), die weit über den Mundraum hinaus wirkt.

Was bedeutet die Parodontitis – für die Zähne und für den ganzen Menschen?

Eine Parodontitis kann nicht nur zu Zahnverlust führen. Sie ist auch ein Hochrisikofaktor für systemische, d.h. den gesamten Körper betreffende Erkrankungen wie Diabetes, Schlaganfall, Alzheimer und Krebs. Das macht sie zugleich zu einem wertvollen Warnsignal, das aus meiner Sicht noch viel mehr Beachtung verdient.

Sehen Sie Änderungen bei Ihren Parodontitis-Patienten?

Inzwischen sind rund 35 Millionen Menschen von einer Parodontitis betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Parodontitis zu erkranken, nimmt im Alter zu. Doch allem Anschein nach erkranken in den letzten Jahren zunehmend auch jüngere Patienten daran.

Woran liegt das?

Der wichtigste Faktor sind ganz klar Ernährungsdefizite. Die meisten Menschen essen heute viel zu viel Zucker, zu viele Transfette und zu viele stark verarbeitete Lebensmittel. Zugleich fehlen Vitamine, Spurenelemente wie Zink und Omega-3-Fettsäuren. Dadurch verändert sich unser Darmmikrobiom: Nützliche Darmbakterien sind mehr und mehr auf dem Rückzug, so dass sich krankmachende Bakterien leichter im Darm ausbreiten können. Dabei ist ein gesundes bakterielles Gleichgewicht im Darm unglaublich wichtig für die Verdauung, unsere Nährstoffversorgung und die Pflege unserer Darmschleimhaut. Eine Fehlbesiedelung (Dsybiose) im Darm führt zu einem „undichten Darm“ (Leaky Gut). Die Folge sind Schleimhautentzündungen und oxidativer Stress, der wiederum den ganzen Körper belastet.

Ein weiterer Punkt ist der allgegenwärtige psychosoziale Stress, der zu einem höheren Nährstoffbedarf führt und unser Immunsystem schwächt.

Sie betonen in Ihren Vorträgen die Rolle stiller Entzündungen für die Mundgesundheit. Warum?

Entscheidend ist das Milieu. Ein wichtiger Vordenker in dieser Hinsicht ist für mich der französische Arzt und Forscher Claude Bernard. Er hat schon im 19. Jahrhundert erkannt, wie wichtig das innere Milieu ist. Genau darum geht es auch bei der Silent Inflammation. Dabei werden im Körper permanent systemische Entzündungsbotenstoffe aktiviert, denen (ernährungsbedingt) zu wenige entzündungsrückbildende Botenstoffe gegenüberstehen. Dadurch entwickelt sich im ganzen Körper ein unterschwelliger Entzündungszustand, unter dem über kurz oder lang auch die immunologische Stabilität im Mund leidet.

Woher kommt diese stille chronische Entzündung?

Dreh- und Angelpunkt ist der Darm. Das hat auch meine Masterarbeit zur Parodontitis1 gezeigt. Im Grunde genommen ist die Mundschleimhaut ein Spiegel der Darmschleimhaut. Wenn der Darm krank ist, undicht wird und sich mehr krankmachende Bakterien darin ansiedeln, betrifft das genauso die Mundschleimhaut. Man könnte also sagen: „from leaky gut to leaky gum“ – vom undichten Darm zum undichten Zahnfleisch.

Wenn der Darm so wichtig ist, welche Rolle spielt dann unsere Ernährung bei der Entstehung und Behandlung der Parodontitis?

Die Ernährung ist der entscheidende Faktor. Unsere moderne Ernährung mit Fastfood, vielen Transfetten und gesättigten Fettsäuren, Konservierungsmitteln, Geschmacksverstärkern, künstlichen Aromen etc. entspricht einfach nicht mehr unserem genetischen Profil. Unser Stoffwechsel ist dafür nicht gemacht. Zugleich fehlen wichtige Nährstoffe. Allein bei den Omega-3-Fettsäuren betrifft das rund 70 Prozent der Bevölkerung.

Daher raten Sie Ihren Parodontitis-Patienten zu Nahrungsergänzungen ...

Genau. Nahrungsergänzungen sind kein Ersatz für eine gesunde Ernährung, aber sie können für einen gewissen Ausgleich sorgen.

Durch die moderne Landwirtschaft und industrialisierte Herstellung von Lebensmitteln gehen viele Nährstoffe verloren. Denken Sie nur an unreif geerntetes und weit transportiertes Obst oder das Mehl Typ 405, das nur noch einen Bruchteil der ursprünglichen Mineralien enthält.

In Kombination mit Bewegungsmangel, Stress und Umweltgiften führt unsere heutige Ernährung dazu, dass sich – wie bei Entzündungen – vermehrt Säuren ansammeln. Auch die Osteoporose sehe ich in diesem Zusammenhang. Für eine bessere Balance im Säure-Basen-Haushalt[IZ1]  sorgen kann man vor allem durch eine basische Ernährung [IZ2] – ggf. plus Nahrungsergänzungen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Artenschwund. Je weniger unterschiedliche Pflanzen, Bakterien usw. wir essen, umso geringer ist die Artenvielfalt im Darm und umso instabiler wird unsere Darmmikrobiota. Besonders spannend finde ich in diesen Zusammenhang fermentierte Lebensmittel. Bevor Kühlschrank und Konservendose Einzug in unsere Küchen hielten, haben unsere Vorfahren noch fleißig Sauerkraut und anderes Gemüse fermentiert. Das sorgte nicht nur für längere Haltbarkeit, sondern auch für jede Menge Leben in Form von Pilzen, Milchsäure- und anderen Bakterien in der Nahrung. Eine wahre Wohltat für den Darm! Umso erfreulicher ist der aktuelle Trend zum Selber-Fermentieren, den ich seit einiger Zeit beobachte.

Welche Mikronährstoffe und Symbionten empfehlen Sie Ihren Patienten bei Parodontitis?

Besonders wichtig sind aus meiner Sicht Omega-3-Fettsäuren aus Fisch- und Algenöl sowie der Aufbau der Säuerungsflora. Also Laktobazillen, Bifidobakterien usw., die mit sauren Stoffwechselprodukten wie Milchsäure, Essigsäure und anderen kurzkettigen Fettsäuren  dazu beitragen, den pH-Wert im Dickdarm im gesunden, leicht sauren Bereich zu halten.

Darüber hinaus empfehle ich vor allem Magnesium und Calcium. Am besten als Carbonat, wie es z.B. in der studiengeprüften bilanzierten Diät Itis-Protect®[IZ3]  enthalten ist.

Ein weniger bekanntes Phänomen ist die Periimplantitis …

Wenn der Zahnhalteapparat im Bereich von Implantaten entzündet ist, sprechen wir von einer Periimplantitis. Parodontitis und Periimplantitis sind im Prinzip gleichartig, aber das für die meisten Implantate verwendete Titan fördert Entzündungen im umliegenden Gewebe. Zugleich fehlt dem in den Kieferknochen integrierten Implantat – anders als beim Zahn – der Zahnhalteapparat, der es stabil im Kiefer verankert. Daher schreitet eine Periimplantitis deutlich schneller voran als eine Parodontitis. Entsprechend wenig Zeit bleibt zur Behandlung, um das Implantat zu retten.

Wie wichtig ist es, dass Zahnärzte und Patienten ein Bewusstsein für die Verbindung zwischen Mund- und allgemeiner Gesundheit entwickeln?

Das wäre ungemein wichtig! Mit der Mundhöhle als Spiegel der Gesundheit haben Zahnärzte – oder vielleicht sollten wir lieber von  Mundärzten sprechen – ein unglaublich wertvolles Instrument zur Früherkennung und Primärdiagnostik in der Hand, dessen Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft wird.

Was wäre Ihr Wunsch für die Zukunft?

Dass Ärzte und Angehörige anderer Gesundheitsberufe über die verschiedenen Fachgebiete hinweg im Sinne der Integrativen Medizin enger zusammenarbeiten und über den eigenen Tellerrand hinaus einen ganzheitlichen Blick auf den Patienten entwickeln.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Dr. Olbertz!

Literatur

  1. Olbertz H-P: Orthomolekulare Substitution bei Parodontitis und Regulationsstörungen – eine monozentrische Reproduzierbarkeitsstudie. Thesis zur Erlangung des Grades Master of Science am Interuniversitären Kolleg für Gesundheit und Entwicklung, Graz 2005

 [IZ1]https://www.hypo-a.de/blog/saeure-basen-haushalt-was-tun-gegen-uebersaeuerung

 [IZ3]https://www.hypo-a.de/Itis-Protect-I