Fitnesstraining fürs Immunsystem

Fitnesstraining fürs Immunsystem

Unser wichtigster Partner beim Schutz vor Infekten ist unser Immunsystem. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihrer Abwehr mit einfachen Mitteln neuen Schwung verleihen. Mit dabei: unser medizinischer Berater, der Arzt für Naturheilverfahren und Sportmedizin Peter-Hansen Volkmann. Im Interview verrät er seine besten Fitnesstipps fürs Immunsystem aus über 30 Jahren Praxis. 

Interview mit unserem Naturheilkundearzt Peter-Hansen Volkmann

Wer gilt überhaupt als infektanfällig? Und wie viele Infekte sind normal?

Als infektanfällig gelten Menschen, die auffällig oft unter Infektionen leiden. Auch die Dauer und der Schweregrad spielen eine Rolle.

Was ist normal? Nun, selbst unter Fachleuten gelten inzwischen 8 bis 12 leichte Infekte pro Jahr bei Kindern bis zum Schuleintritt als normal (1). Als Arzt für Naturheilverfahren habe ich dazu eine andere Sicht. 

Selbst Kleinkinder können durchaus mit ein bis zwei Infekten pro Jahr auskommen, wenn sie noch im häuslichen Umfeld aufwachsen, gestillt wurden, naturnah mit frischer Biokost ernährt werden und noch kein Antibiotikum erhalten haben. Mit Eintritt in den Kindergarten nehmen die Infekte dann meist etwas zu.

Jeder Erreger, jeder Infekt trainiert unser Immunsystem. Daher bekommen Erwachsene deutlich seltener Infekte; bei ihnen gelten ein bis maximal vier Infekte pro Jahr heute als normal.

Wie viele Infekte wir bekommen, hängt neben dem Alter von der persönlichen Veranlagung, aber z.B. auch vom Wohnumfeld und vom Lebensstil ab. 

Früher sagte man: „Eine Grippe dauert mit Doktor zwei Wochen und ohne 14 Tage!“ Ein „normaler“ Infekt sollte auch ohne Behandlung nicht länger als zwei Wochen dauern, wobei die Beschwerden in der Regel schon nach wenigen Tagen deutlich nachlassen. Wenn Erkältungen regelmäßig länger dauern, schwerer verlaufen, mit Antibiotika behandelt werden oder immer wieder auftreten, sollte man hellhörig werden, sich sein Immunsystem einmal näher anschauen und gegebenenfalls etwas für seine Abwehr tun.

Was sind nach Ihrer Erfahrung die wichtigsten Ursachen für eine Abwehrschwäche?

Wenn Menschen anfällig für Infekte sind, kommen meist verschiedene Auslöser zusammen. Die wichtigsten Faktoren sind aus meiner ganzheitlichen Sicht die Ernährung, Umweltgifte und ein gestörtes Darmmikrobiom. Auch unser Lebensstil spielt eine große Rolle. So schwächt anhaltender Stress nachweislich unser Immunsystem. Zugluft als Grund für „Erkältungen“ wird dagegen überschätzt.

Die Ernte unreifer Früchte, lange und/oder falsche Lagerung, starke Verarbeitung, der beliebte Griff zu Fertigprodukten und Fast Food – all das schmälert die Wertigkeit unserer Lebensmittel. Das hat natürlich auch Folgen für den Darm und für unser Immunsystem, das auf Nährstoffe wie Zink und Vitamin C angewiesen ist. Als zusätzliche Unsicherheit kommen aktuell von der EU neu zugelassene Insektenmehle mit Chitin, aber auch Darmbakterien und entsprechenden Verdauungsgiften der Insekten usw. hinzu. (2)

Nicht zu unterschätzen sind Wohngifte, z.B. aus Laminatböden und Vinyltapeten. Bei betroffenen Patienten habe ich immer wieder beobachtet, dass ihr Immunsystem leichter überlastet wurde. 

Hinzu kommen Weichmacher, z.B. durch die Aufbewahrung in „praktischen“ Kunststoffbehältern, Lebensmittelzusatzstoffe und Spritzmittelrückstände bei konventionellen Lebensmitteln. Ich denke da besonders an Aromastoffe, die als Abkömmlinge von Ätherverbindungen über den Nervenstoffwechsel das Immunsystem negativ beeinflussen. Ein anderes Beispiel ist Glyphosat, das als Antibiotikum wirkt und eine Reihe gängiger Darmbakterien tötet (3, 4). 

Damit kommen wir auch schon zum Darm, der rund 80 % aller Immunzellen beherbergt und dessen Gesundheit maßgeblich von einer natürlichen, gesunden Bio-Ernährung und Umwelt abhängt. Wenn unser Darmmikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät, kommt es lokal zu Schleimhautreizungen. 

Beispielsweise führen E-Stoffe in Fastfood oder Softdrinks zu gereizten Darmschleimhäuten. Gereizte Darmschleimhäute können schlecht oder gar nicht die passenden Enzyme zur Verdauung in ihren Zellen herstellen und an die Schleimhautoberfläche bzw. an den Verdauungsbrei abgeben. Was nicht lokal verdaut wird, kann auch nicht aufgenommen werden, sondern wandert unverdaut darmabwärts. Dort kommt es dann zu einer Dyspepsie oder zum Reizdarmsyndrom mit Blähungen und diversen Unpässlichkeiten bis zum Leaky Gut, zum löcherigen Darm.

Jetzt können unerwünschte Stoffe durch eine „löchrige“ Darmschleimhaut in den Körper eindringen und zu chronischen Entzündungen sowohl der Leber als auch anliegender Gewebe führen. Wenn immer weniger Nährstoffe aus einem kranken Darm aufgenommen werden, leidet automatisch auch unser Immunsystem. Das kann sich dann als Allergie oder Abwehrschwäche zeigen. 

Was raten Sie Menschen, die immer wieder unter Infekten leiden und die ihr Immunsystem auf natürliche Weise unterstützen möchten?

Die Basis unserer Gesundheit ist ein gesunder Darm – und der wird ganz klar gesichert durch biologische Frischkost, die Sie bei Bedarf gezielt mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen aufwerten können. 

Wer gesund bleiben möchte, sollte deshalb unbedingt auf seinen Darm und seine Darmflora achten. Denn Darmpflege ist immer auch Immunsystem-Pflege. Das A und O dabei ist eine „darmgesunde“ Ernährung, das heißt

  • frische Salate und Gemüse im Sinne von Rohkost
  • Gewürze wie Anis, Chili, Curry, Fenchel, Kümmel, Kurkuma, Majoran, Oregano, Pfeffer und Thymian 
  • reichlich Ballaststoffe
  • prä- und probiotische Lebensmittel
  • mindestens 2 Liter sauberes Wasser pro Tag – aus der Glasflasche oder als sauberes Trinkwasser
  • Verzicht auf Fast Food, Cola & Co.
  • gründlich kauen
  • ggf. Bitterstoffe und Enzyme zur Entlastung des Darms

 

Als Arzt für Naturheilkunde bin ich ein Freund der leider etwas in Vergessenheit geratenen Ordnungstherapie, von der auch unser Immunsystem profitiert. Dazu gehören:

  • ausreichend Schlaf – mindestens 7 bis 8 Stunden pro Nacht
  • weniger Fernsehen, insbesondere eine Stunde vor dem Schlafen kein W-LAN oder Fernsehen im Schlafbereich
  • geregelte Mahlzeiten wo möglich in der Familie am gedeckten Tisch
  • regelmäßige Phasen der Entspannung
  • moderate Bewegung wie Waldspaziergänge oder Radfahren – Leistungssport hingegen schwächt die Abwehr 
  • frische Luft – z.B. im Rahmen von Gartenarbeit. Falls Sie keinen eigenen Garten haben, findet sich vielleicht eine offene Gartengemeinschaft in Ihrer Nähe.

Wer noch mehr für sein Immunsystem tun möchte, kann im Winterhalbjahr alle ein bis zwei Wochen in die Sauna gehen. Mit Kneippgüssen und Wechselduschen können Sie Ihr Immunsystem das ganze Jahr ankurbeln.

Aus Sicht der Pflanzenheilkunde kommen für den Magen-Darm und die Leber Kamille, Kümmel, Fenchel, Anis, Kurkuma und Pfeffer, für das Immunsystem vor allem Arnika und Echinacea in Frage. Letzteres kann immer mal wieder über einige Wochen prophylaktisch angewendet werden. Bei Echinacea bitte die empfohlenen Einnahmepausen einhalten und ggf. Kontraindikationen beachten. 

10 Tipps fürs Immunsystem

  1. Kneippgüsse, Wechselduschen & Sauna
  2. Belastungen reduzieren (Rauchen, Alkohol, Wohn- und Umweltgifte)
  3. Ausreichend Schlaf, Entspannung, Autogenes Training, Yoga, Die Fünf Tibeter usw. 
  4. Basenkost – z.B. mit Pellkartoffeln, Leinöl, Naturquark mit frischen Kräutern, basische Kartoffelsuppe 
  5. Bewegung an der frischen Luft, Atemtraining wie z.B. der erfahrbare Atem 
  6. Mind. 2 Liter reines Wasser pro Tag
  7. Darmpflege & Symbioselenkung (darmgesunde Ernährung, prä-/probiotische Lebensmittel)
  8. Natürliche frische und getrocknete Gewürze, konventionelle Mischungen meiden
  9. Heilpflanzen (Arnika, Artischocke, Basilikum, Beifuß, Brennnessel, Echinacea, Löwenzahn, Melisse, Oregano, Pfefferminze usw.) 
  10. Mikronährstoffe (Folsäure, Vitamin A, B6, B12, C, D, Eisen, Selen, Zink) 

Was ist Ihr persönliches Rezept für ein robustes Immunsystem? Was tun Sie selbst für Ihre Abwehr?

Unsere Familie ernährt sich zu 100 % Bio. Vieles davon stammt aus unserem Garten und dem ökologischen Firmengelände von hypo-A. 

Essen ist für mich viel mehr als reine Nahrungsaufnahme: Es ist eine stetige Quelle der Lebensfreude! Schmackhafte, natürlich gewürzte Speisen, die sowohl den Darm als auch die Seele glücklich machen. Dazu vielleicht ein genüssliches Gläschen Bio-Wein oder Hefeweizen als B-Vitamin- und Schleimhautpflege für den Darm. 

Zu meinem persönlichen Rezept für eine starke Abwehr gehören auch Wald- und Strandspaziergänge, meine „heimliche“ Leidenschaft, die Beschäftigung mit Menschen und Tieren wie z.B. unseren Hühnern, Gartenarbeit, und eine langwährende, glückliche Ehe.

Welche Mikronährstoffe sind Ihrer Ansicht nach besonders wichtig fürs Immunsystem?

Die wichtigsten Immun-Nährstoffe sind für mich ganz klar Zink, Vitamin C und D. Aber auch Folsäure, Vitamin A, B6, B12 und Selen sind bedeutend für eine gesunde Abwehr (5). 

Bei ständigen Infekten sollte man immer auch an Vitamin D denken. Schließlich sind laut Robert-Koch Institut in Deutschland gerade einmal 38,4 % der Erwachsenen ausreichend mit Vitamin D versorgt. Besonders kritisch wird es im Winter, wenn wir von unseren Vitamin-D-Reserven zehren und Erkältungen Hochkonjunktur haben. (6)

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für mich der oxidative Stress. Bei Infekten, chronischen Entzündungen oder einem geschwächten Immunsystem fallen im Körper vermehrt freie Radikale an, die unsere Zellen und unsere Abwehr belasten. Umso wichtiger ist eine gute Versorgung mit zellschützenden Antioxidantien wie Vitamin B2, C, E, Mangan, Selen und Zink (7). Da der Körper wasserlösliche Vitamine weder selbst bilden noch speichern kann, müssen sie regelmäßig mit der Nahrung zugeführt werden.

Eine zentrale Säule bei der Abwehr von Krankheitserregern wie z.B. Rhinoviren sind für mich auch die Schleimhäute. Ob Nase, Mund, Lunge oder Darm: All diese Schleimhäute hängen entwicklungsgeschichtlich zusammen und können sich gegenseitig beeinflussen. Zugleich sind sie als Kontaktfläche zur „Außenwelt“ die erste große Barriere bei der Abwehr von Viren und Bakterien. Umso entscheidender ist eine gesunde Schleimhaut – und die braucht vor allem Vitamin A, B2, B3 und Biotin (8).

Die Eintrittspforte vieler Infekte ist der Nasen-Rachenraum. Den können wir zusätzlich relativ elegant durch ein selbst angemischtes „Nasenspray“ z.B. mit Emser Salz oder, wie in meiner Literatur beschrieben, mit Acerolapulver und Zink in abgekochtem Wasser schützen.

Ein spannender Zusammenhang. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Gern. Bei der Entwicklung des Embryos gehen die Schleimhäute des Atem- und Verdauungstraktes aus dem inneren Keimblatt, dem sogenannten Entoderm, hervor. Diese Verbindung scheint ein Leben lang zu fortzubestehen. Viele von Ihnen kennen das sicher von kleinen Kindern, die bei einer Erkältung mit Bauchschmerzen reagieren. Ein anderes Beispiel sind Probleme mit den Nebenhöhlen, die häufig eine Mitreaktion gestörter Schleimhäute im Darm sind. Ähnliches gilt für das Mittelohr.

Das ist auch ein Grund dafür, weshalb es z.B. bei grippalem Husten sinnvoll ist, wie im alten Griechenland, den Darm zu entlasten, weniger zu essen und leichter verdauliche Speisen zu sich zu nehmen.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist der Bezug von Darm und Lunge schon seit Jahrtausenden bekannt. Dort gilt der Dickdarm als Partnerorgan der Lunge. Ein Zusammenhang, den wir mit den Erkenntnissen der modernen Mikrobiomforschung und zur Darm-Hirn-Achse heute auch aus wissenschaftlicher Sicht nachvollziehen können. 

Es lohnt sich also, stets den ganzen Menschen im Blick zu haben und bei Infekten immer den Darm mit einzubeziehen.